Aufruf
Wir rufen alle FrauenLesbenTrans* dazu auf, mit uns am 7. März auf die Straße zu gehen. Wir treffen uns um 19 Uhr am Elisabeth-Blochmannplatz in Marburg.
Die letzten Monate haben wieder gezeigt, wie heterosexistisch diese Gesellschaft ist. Debatten wie zum Bildungsplan in Baden-Württenberg haben Trans*feindlichkeit und Homophobie nochmal auf ein neues Level gehoben.
Allerorts in der Gesellschaft finden Eingriffe in die Leben und die Entscheidungsfreiheit von FrauenLesben und Trans*personen statt. Der Zugang zu medizinischen Eingriffen wird durch Pathologisierungen und Kriminalisierungen verbaut. Noch immer bestimmt der Medizinische Dienst der Krankenkassen, wann Trans*Personen welche geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen in welcher Reihenfolge durchführen lassen können.
Reproduktion wird immer noch durch den Staat reguliert, der §218, der immer noch Schwangerschaftsabbruch kriminalisiert, greift direkt in unsere Körper ein. Schwangerschaftsabbruch ist auch nach langen Kämpfen immer noch nicht legal. Die Pille danach, heißt es in den Medien, könne nicht „wie smarties“ verteilt werden. Wir sollen, am Besten als Frauen, gebären für den Erhalt Deutschlands.
Seit Jahrhunderten wehren sich Feminst_innen gegen diese Eingriffe in ihre Selbstbestimmung. Am 8. März ist Frauen*kampftag und wir ziehen wie jedes Jahr auf die Straße. Doch das reicht uns nicht. Zu allgegenwärtig sind die patriarchalen, heteronormativen Strukturen, die in unsere Leben eingreifen.  Ob wir als dick oder dünn wahrgenommen werden, kann verändern, ob unsere Körper, unsere Leben, als wertvoll und begehrenswert wahrgenommen werden. Die Zuordnung in ein Zweigeschlechtersystem erfolgt durch Zuschreibung, wie gerade Frauenkörper auszusehen haben. Diese Geschlechterkonstruktionen laufen nicht auf einer Ebene, immer noch gilt alles, was als „weiblich“ klassifiziert wird als schwach, als minderwertig. Das männliche Subjekt, das weibliche Objekt – klingt reichlich veraltet, ist aber immer noch wirkmächtig.
Viele FrauenLesben und Trans*personen erleben Rassismus, wenn ihre Körper als nichtweiß oder/und nichtdeutsch gelesen werden.
Viel zu oft passiert Rassismus auch in weiß-dominierten feministischen Räumen, es kommt zu Paternalismus und Zuschreibung von Opferrollen.
Wir wollen einen emanzipatorischen Feminismus, der FrauenLesben und Trans*personen nicht permanent zu Opfern erklärt sondern diesen viele Stimmen gibt.

Wir sind es Leid unsere Körper kontrollieren zu lassen. Wir sind es Leid, dass ständig in unser Leben eingegriffen wird, durch gewaltätige Strukturen und durch direkte Gewalt, die wir tagtäglich erleben.
Geht mit uns auf die Straße, seit wütend, seid laut, empowert euch und habt Spaß. 8.März alle Tage -
Raise your voice, my body my choice!

Rede Autonomes FrauenLesbenReferat
Seit Anfang des Jahres wurde von zwei Frauen aus Berlin das „Heimwegtelefon“ ins Leben gerufen. Dort können alle anrufen, die abends allein auf dem Heimweg sind.
Hierbei scheint es keine Rolle zu spielen, ob Mann oder Frau anruft. Im Gegenzug wird durch bildliche Darstellung und Schilderung dessen, dass die Macherinnen das „Gefühl des Unwohlseins“ kennen, klar mit Vorstellungen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen gearbeitet. Doch es wird nicht von sexualisierter Gewalt gesprochen.
Das Heimwegtelefon ist komplett geschlechterignorant.
Dieses „ungute Gefühl“ existiert somit Nachts, an menschenleeren Plätzen mit einer Parkbank zwischen 22 Uhr und bisher noch 2 Uhr nachts. Dieses Gefühl gekoppelt an diese Kriterien ist ansozialisiert, dabei kann eine dieses Gefühl auch unabhängig von Tageszeiten haben.
Schon früh wird einer als Mädchen eingetrichtert, sei zu Hause bevor es dunkel wird. Und auf der anderen Seite sollen Mädchen eher auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden und spielen in den meisten Fällen im Haus und erkunden ihre Umgebung eher weniger zu Fuß. Dadurch werden Frauen gehemmt bei der Aneignung von öffentlichem Raum. Der Bewegungsradius wird kleingehalten.
Hinzu kommt die mediale Berichterstattung von Übergriffen gegen Frauen, die vom Fokus auf die Tat geprägt ist und nicht auf das oft erfolgreiche Wehren von Frauen eingeht. Statt „Frau wurde angegrabscht“ könnte es heißen: „Frau verjagt durch Schreien Angreifer:“

In der Debatte um sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommen immer wieder die selben Mythen auf, die die Einordnung von Vergewaltigung erklärbar machen.
Klassische Mythen über Vergewaltigung sind:
Opfer und Täter kennen sich nicht
die Opfer sind immer jung und hübsch, ältere Frauen, Lesben und Transpersonen gehören nicht dazu.
Die Tat passiert im öffentlichen Raum, z.B. Park
der Täter überwältigt das Opfer mit brutaler körperlicher Gewalt und/oder sogar mit Waffengewalt
Diese Form der Darstellung verschiebt die Realität, wo, wann und vom wem sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen verübt werden. Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung passieren im Nahbereich, dass heißt Täter sind Freund, Onkel, Arbeitskollege oder Vater, und Tatort ist die eigene Wohnung, der Arbeitsplatz oder im Sportvereinshaus – und dies kann zu jeder möglichen Tageszeit passieren.
Gewalt gegen Frauen ist ein Ausdruck von Macht und eine immer wieder erneute Herstellung von patriarchaler Gesellschaft.

Deswegen ist es wichtig, dass wir uns als Betroffene des Patriarchats zusammen tun und uns gemeinsam unsere Räume nehmen, die wir haben wollen – Tagsüber und auch Nachts!
Wir brauchen keinen Prinzen – wir wehren uns selbst!
Nieder mit dem Patriarchat!
Unser Weg ins Glück – FrauenLesbenTrans schlagen jetzt zurück!


Rede vom Bündnis Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus

Im Januar diesen Jahres verschwand das Werbe-Transpi der Cheer-Queer Gruppe. Am selben Wochenende wurde das Autonome FrauenLesbenReferat bemalt mit „Männlich plus Weiblich gleich Natürlich!“.
Die aktuellen Angriffe stehen nicht im leeren Raum, sondern stehen im Kontext der öffentliche Debatte über Homosexualität und Familienbilder. Wie neulich erst in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ wo Evangelikale wie Hartmut Steeb, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, ihre Homophoben und Transphoben Positionen zum Ausdruck bringen konnte. Unter der Überschrift Familien wird ein Bild einer heteronormativen Familie, bestehend aus Vater, Mutter und 1,4 Kindern propagiert. Alles was davon abweicht gilt als „abnormal“.
Die Debatte, wer darf eigentlich Kinder haben und wer sollte Kinder bekommen, basiert auf klassistischen und rassistischen Annahmen und findet breiten Zuspruch in der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft.
Eine krude Mischung aus Rechten, FundamentalistInnen und den „harmlosen bürgerlichen FamilienschützerInnen“ trifft aufeinander und schreit: „Unsere Kinder sind in Gefahr!“ Wie zum Beispiel letzte Woche in Stuttgart auf einer Demonstrantin gegen den Bildungsplan in Baden-Württenberg. Die Petition „Keine Aufklärung unter der Ideologie des Regenbogens“ hat bundesweit hohe Wellen geschlagen und 200 000 UnterstützerInnen aus ganz Deutschland und auch international gefunden.

Gerade evangelikale und andere religiös-fundamentalistische Gruppen sehen ihr ganzes Weltbild gefährdet. Sie wollen die heterosexuelle Ehe und Kleinfamilie schützen. Für sie ist dies die einzig natürlich Lebensform – quasi vom Aussterben bedroht. Das Vorgehen erinnert an Artenschutz, als Biotop fungiert hier das Reihenhaus mit Gartenzaun. Jegliche Lebensweisen, die diesem Modell nicht entsprechen, gelten als pervers, unnatürlich und abnormal. Gar gefährlich! Sie sagen: „Denkt doch mal an die armen Kinder!“

Die Kinder. Was ist diese Sache mit den Kindern? Das Bild des Kindes muss immer wieder herhalten. Auf Schildern und Transparenten finden sich bei „Märschen für das Leben“ von sogenannten LebenschützerInnen, genauso wie bei der Demonstration in Stuttgart, Sprüche wie „Schützt unsere Kinder“ oder noch besser „Hände weg von unseren Kindern“. Dahinter verbirgt sich die Angst vor dem „Volkstod“. Und somit reihen sie sich in die Argumentationen von NPD und anderen rechten Strömungen ein, die Homosexualität, Trans und Queer mit Pädophilie gleichsetzen. Nur das diese dann auch gerne mal „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordern. Dadurch wird eine Gefahr für die Familie und das gesamte deutsche Volk heraufbeschworen.Wir stellen uns dieser Rhetorik entgegen.
Durch die Darstellung der Schutzbedürftigkeit der Kinder wird verdeckt, dass es allzu oft in einer patriarchalen und heterosexistischen Gesellschaft zu Gewalt gegen Kinder und Frauen in eben diesen hochgepriesenen Familien kommt. Und klarzustellen ist, dass es sich bei sexualisierter Gewalt immer um Machtausübung und Machterhalt geht.

Bei der Debatte um Kinder geht es auch immer darum, wer gebären muss und wer es auf keinen Fall darf. Es sind junge, weiße, akademische Frauen, die gebären sollen. Und die Zeugung soll doch bitte auf natürlichem Wege – mit ganz viel Liebe – geschehen. In-vitro-Fertilisation, Leihmutterschaft und andere Wege an Kinder zu kommen werden verteufelt.
Wir wollen nicht für euer Deutschland werfen, eure elitären, fundamentalistischen und rassistischen Machtpolitiken finden wir zum kotzen. Jede und jeder soll selbst entscheiden dürfen, ob und wie und wann er oder sie Kinder haben möchte – oder auch nicht!

Ihr behauptet, wir wollen Zweigeschlechtlichkeit abschaffen, Monogamie in Frage stellen und die Ehe hinter uns lassen?
Wir sagen: Ihr habt Recht!
Ihr halten uns für unnatürlich? Wir verzichten auf eure Natürlichkeit.
Ihr haltet uns für abnormal? Eure bürgerliche Zwangsfamilie brauchen wir nicht.
Ihr sagt wir wären eine radikale Minderheit? Ja, und wir werden uns niemals klein machen lassen.
Wir haben weder Bock auf naturalisierende, evangelikale, patriarchale noch sonst wie geartete Beschwörungen der heterosexuellen Partnerschaft bzw. Ehe und Familie. Nein, wir haben keine Bock auf eure heterosexistische Welt.

Es geht nicht darum normal zu sein, sondern dieses System jeden Tag aufs neue herauszufordern. Lasst uns die Angst vor den Begriffen verlieren, lasst sie uns zurückfordern und mit unserem Widerstand besetzen.

8. März alle Tage, das ist eine Kampfansage!