100. Frauenkampftag in Marburg. Rund 500 Menschen demonstrieren für sexuelle Selbstbestimmung – auf der rechten Straßenseite.
Am 8. März 2011 gingen in Marburg 500 überwiegend junge Menschen unter dem Motto „My body my choice reloaded“ auf die Straße. Aufgerufen hatten neben dem Autonomen FrauenLesben Referat aus Marburg etwa 30 weitere Gruppen aus Hessen und Rheinland-Pfalz. Für Marburger Verhältnisse stellte der Demo-Zug beinahe eine Großdemonstration dar – aus dieser Sicht betrachtet ein voller Erfolg für die Organisatorinnen.
Auf dem Weg durch die Marburger Innenstadt wurde neben der Forderung nach sexueller Selbstbestimmung von Frauen (zentral zum Beispiel die Forderung nach der Legallisierung von Schwangerschaftsabbrüchen), auch Kritik an diversen Marburger Organisationen wie dem evangelikalen ChristusTreff und dem Väteraufbruch laut. Diese stehen in Marburg exemplarisch für eine antifeministische und homophobe Grundstimmung, die fest in der Lokalpolitik verankert ist. Redebeiträge wurden von der antifaschistischen gruppe 5, der Gruppe lisa:2, dem Autonomen FrauenLesbenReferat (alle aus Marburg), sowie dem Autonomen Referat für Frauen und Geschlechterpolitik aus Kassel gehalten. Die Abschlusskundgebung bestand aus einem Konzert der Marburger „Musikkapelle“ Monsterbeat and the Immigrant.
Trotz der Größe der Demonstration ließ es sich die Einsatzleitung der Polizei nicht nehmen, auf die Auflagen zu beharren und ausdauernd darauf hinzuweisen, dass die Teilnehmer_innen doch ausschließlich auf der rechten Straßenseite zu laufen hätten. Statt die Straße für die lautstarke Versammlung abzusperren drohten sie von Beginn an mit der zwangsweisen Auflösung und kündigten letztendlich rechtliche Folgen für die Demonstrationsleitung an.
Das Medienecho ist bislang gering geblieben, dennoch ist festzuhalten, dass in Marburg radikale feministische Politik erfolgreich auf die Straße getragen wurde und dies als ein gelungener Auftakt für die weitere politische Arbeit in Hessen und darüber hinaus gewertet werden kann.
8. März jeden Tag! Für sexuelle Selbstbestimmung – My body my choice!
Unterstützungsbekundungen bitte per E-Mail an:
prochoice[KEIN SPAM]marburg@gmail.com
(Hinweis: Beim Mailen die Zeichen „[KEIN SPAM]“ aus der E-Mail-Adresse enfernen!)
Die Veranstaltungsreihe „My Body My Choice reloaded“ des Autonomen FrauenLesbenReferats Marburg, die von Ende Januar bis Anfang Februar verschiedene feministische Themen beleuchtete, hat einmal mehr gezeigt, dass antifeministische Einstellungen gesellschaftlich wirkmächtig sind und in den letzten Jahren verstärkt zum Ausdruck kommen. Thematisiert wurde u.a. die Gesetzgebung rund um den Schwangerschaftsabbruch, die Frauen nach wie vor nicht erlaubt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, die gesellschaftliche Stigmatisierung von Lebensentwürfen von Frauen ohne Kinder und der antifeministische Gegenwind, der Vertreter_innen von Frauenrechten entgegenkommt, z.B. durch die einflussreiche US-amerikanische Tea-Party-Bewegung.
Dies ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt der (neuen) Herausforderungen, denen Frauen, in diesem Falle vor allem in der westlichen Welt(1) , ausgesetzt sind. Nennen könnte man in diesem Zusammenhang etwa noch die erstarkende Väterrechtsbewegung, die in Deutschland vor allem durch ihre Opposition zu Frauenhäusern auffällt, oder der wachsende Einfluss evangelikaler Strömungen, die für die Propagierung eines homophoben und frauenfeindlichen Weltbilds stehen. In Marburg wurde Letzteres auch und vor allem beim evangelikalen „Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ 2009 deutlich, der von massivem Protest begleitet wurde. Dass Marburg als Kongressort ausgewählt wurde, ist, nebenbei bemerkt, kein Zufall: Unter anderem der evangelikale Marburger Christus-Treff bringt jeden Donnerstag 200 junge Anhänger_innen christlich-konservativer Werte im Gottesdienst zusammen.
Besonders die neuerlichen Angriffe auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen geben heute akuten Anlass zur Wiederaufnahme eines Kampfes, der „My Body My Choice“ wieder zur zentralen Forderung machen muss. Die Einschränkung der körperlichen Autonomie von Frauen durch die Verschärfung des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch im Jahr 2010 wollen und können wir nicht hinnehmen. Der § 218 ist ein weiteres Mal Symbol für den frauenfeindlichen Reflex konservativer gesellschaftlicher Gruppen.
Zusammengefasst kann man also sagen, dass Frauen auch in den westlichen Industrieländern immer noch und auf immer neue Arten und Weisen daran gehindert werden, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und Regeln zu leben – jenseits eines Daseins als Abbild einer medial gepushten „Alpha-Frau“, die lediglich die Regeln einer männlich dominierten Arbeitswelt verinnerlicht. Dies führt unserer Ansicht nach nicht zur Emanzipation, sondern zur fortgesetzten Stärkung von kapitalistischen, rassistischen und sexistischen Spielregeln.
Warum also eine Demonstration am 8.März?
Wir nehmen den diesjährigen 100. Frauenkampftag zum Anlass, den feministischen Kampf neu zu besetzen.
Historisch steht der Frauenkampftag seit 1911 für den Kampf organisierter Frauen innerhalb der sozialistischen Bewegung um das Frauenwahlrecht. Wir sehen uns in der Tradition der vielen Generationen von Frauen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen für Frauenrechte gekämpft haben.
Heute müssen wir den subtileren Angriffen auf unsere Rechte allerdings neu begegnen und gemeinsam neue Strategien entwickeln. Dabei wollen wir nicht den Status Quo verteidigen, sondern weiterhin für ein Fortschreiten der emanzipatorischen Bewegung aktiv werden.
Über den Sinn und Unsinn, den Internationalen Frauentag als Frauenkampftag für die Formulierung feministischen Widerstands zu nutzen, ist viel gestritten worden. Nicht zuletzt regt sich Kritik auf Grund der Vereinnahmung des Tages durch große staatliche Organisationen. Gerade die Tatsache, dass sich im (partei-)politischen Rahmen heute keine bemerkenswerte Opposition zu einem antifeministischen Backlash formiert, zeigt uns eines ganz deutlich: Wir müssen den Frauenkampftag mit unseren Themen besetzen und nach unseren Bedürfnissen gestalten.
Wir müssen den feministischen Kampf selbst führen.
Wir kämpfen für die Möglichkeit, eigene Lebensentwürfe umzusetzen, Kinder zu haben oder keine Kinder zu haben, zu lieben, wen wir wollen, und uns nicht patriarchalen Vorstellungen von Frauen als Objekten zu unterwerfen.
MY BODY MY CHOICE! Für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen!
(1) Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es von unserer Position aus unmöglich ist weltumspannend für ALLE Frauen mit oft sehr unterschiedlicher Alltagsrealität zu sprechen und sehen dies natürlich als Defizit an.
Unterstützungsbekundungen bitte per E-Mail an:
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Bisherige Unterstützer_innen:
AgF – Arbeitsgemeinschaft für gewerkschaftliche Fragen, Marburg
ALLE FRAUEN – Referat des AStA Uni Mainz
antifa [ko], Kreis Offenbach
Antifa Overload Lahn-Dill
AntiFa.R4, Gießen
antifaschistische gruppe 5, Marburg
autonome antifa [f], Frankfurt
Autonomes FrauenLesben-Referat an der Uni Frankfurt
Autonomes FrauenLesbenReferat, Marburg
Autonomes queer-feministisches Frauenreferat im AStA der JLU Gießen
Autonomes Referat für Frauen und Geschlechterpolitik, Kassel
Autonomes Schwulenreferat im AStA der JLU Gießen
BUNDjugend Gießen
Bündnis Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus
campusAntifa, Frankfurt
Demokratische Linke, Gießen
fuego! radikale linke Alsfeld
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen, Jugendbildungsreferat
gruppe bamm, Marburg
havanna8, Kollektivkneipe Marburg
JAM, Marburg
LAG Mädchenpolitik in Hessen e.V.
LISA:2, Marburg
Onkel Emma, Marburg
Pro Choice Marburg
raum_in, Darmstadt
Stressmob, Marburg
turn*left, Frankfurt
YXK, Marburg